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DIGITALE ÄSTHETIK <arbeitsdefinition>


digitale ästhetik

digital aesthetics     copy


–– annäherung

um ästhetik im digitalen umfeld gebrauchen zu können / soll der blick geschärft werden für den kern jedes ästhetischen konzeptes: die wahrnehmung oder sinnliche erkenntnis // es gibt eine differenz zwischen wahrnehmung und ästhetischer wahrnehmung – diese differenz ist kulturell // ein ästhetisches zeichen – ein zeichen als objekt ästhetischer wahrnehmung – ist absichtsvoll hergestellt worden: damit es als zeichen wahrgenommen wird / damit es ein zeichen sei // ein zeichen / welches zu selbigem nur wird / weil ein beobachter es als solches wahrnimmt / ist demnach kein ästhetisches zeichen //

absichtsvoll erzeugte kulturelle gegenstände sind zeichen für das bestehen einer differenz zwischen uns und den extrahumanoiden <außermenschlichen> naturdingen der welt // ästhetische wahrnehmung ist nicht die wahrnehmung einer unberührten wirklichkeit oder der dinge selbst – sie ist eine meta-wahrnehmung: die wahrnehmung von etwas wahrgenommenem // die wahrnehmung von zeichen ist genauso wie die herstellung von zeichen ein kultureller akt //

spätestens seit sich auch eine ästhetik des häßlichen etabliert hat / kann die rede von ästhetik als wissenschaft vom schönen nicht mehr aufrechterhalten werden // der ästhetische begriff / wie ich ihn hier verwende / hat weder das landläufig schöne bzw. die wahrnehmung von etwas schönem im sinn / noch das angenehme empfinden / ausgelöst durch kunst- oder naturbetrachtung // ich verstehe ästhetik als wahrnehmung in konfrontation mit dingen eines künstlichen lebens <artificial life> / das sich eben nicht auf kunstdinge reduzieren läßt / sondern alles umfaßt / was dem menschlichen symbol-denken und -handeln <cassirer> entspringt / wozu seit längerem auch der technisch-mediale symbol-output gehört //

ein ästhetikverständnis / das sich auf kunstdinge beschränkt / ließe überhaupt nicht zu / digital und ästhetik in einen zusammenhang zu bringen – denn das digitale ist ja keine kunst //


–– eingrenzung

digitale ästhetik ist eine spezifische form von medientechnisch initiierter wahrnehmung // ihr verständnis führt von den unhintergehbaren grundlagen der atome des digitalen zu den sinnlich-kognitiven fähigkeiten des menschlichen perzeptionsapparates – und vice versa von den erkenntnistheoretischen höhen der naturwissenschaft zu den abgründen des artificial life / in dem der computer als universelle diskrete maschine <turing> wesentliche bedingungen des menschseins definiert // computer sind digitale sinnmaschinen / in denen mathematische objektivierung <kittler / husserl> elektronisch implementiert ist // digital sein heißt zuallererst binär sein // das binäre existiert als dualität: als reversibilität symbolischer formen <binärzahlen> und physikalischer meßwerte <binärsignale> <coy> //

die ästhetische sprache des digitalen ist ein zusammenklang von technischer syntax und kommunikativer struktur des neuen mediums // möglicherweise hat das menschliche symbol-denken in den computern einen ebenbürtigen dialogpartner gefunden / möglicherweise hat das symbol-denken mit dem computer erstmals eine wahrhafte symbol-technik geschaffen // der dialog mensch – computer bleibt aber vorerst ein selbstgespräch: am anfang und am ende aller algorithmen stehen menschen // auch abzüglich der tatsache / daß die chip-architektur neuester n-ter rechnergenerationen nur noch von rechnern der generation n - 1 bewältigt werden kann / bleiben maschinen / medien-maschinen / sinn-maschinen / cyber-devices / golem stumm / sobald der input ausbleibt //

die techniken und medien des digitalen treten nicht nur als resultat und stimulator der dritten industriellen revolution auf // sie bieten nicht nur neue formen der beschäftigung mit den gegenständen der welt // sie bilden eine eigene weltanschauung / die ihre passende lebensweise gleich mitbringt // digitales weltbild / computer-weltbild / digitaler weltentwurf / digitale ontologie / digitale kultur / digitale zukunft / digitaler lebensstil: die digitale ästhetik reicht weit hinein in den alltag / in die sprache – in das alltagsbewußtsein // fernsehbilder / radiosendungen / zeitungen / bücher / world wide web / tonträger / kinofilme / audi tt / die internationale raumstation und der neue nike-schuh sind digital aufgenommen gesendet entwickelt entworfen produziert bearbeitet distributiert // nur konsumiert wird immer noch analog //

schon ältere medientechniken wie perspektive oder panorama haben zu einer objektivierung des sehens beigetragen / was letztlich zu einer regelrechten technik des sehens führte // das heißt nicht / daß die technik sehen gelernt hätte / aber die entdeckung der geschichtlichkeit des sehens <walter benjamin> findet ihre bestätigung in der tatsache / daß die techniken der wirklichkeitserzeugung und -diversifikation unser aller sehen prägen und transformieren // mit dem / was computer wirklich sind – externalisiertes denken / programmierbarkeit von objektivität – findet nun eine objektivierung des denkens statt / die sich schon darin zeigt / daß die erfindung des computers auf einer elaborierten theorie beruht – im gegensatz zu allen anderen technischen medien davor //

jan 2003



last update: 14. sep 2007