pappelschnee            
dtp digitale theorie und praxis
smtp sinnmaschinentextpassagen
cpu chronologie programmatischer unternehmungen
 
  pappelschnee cpu the pork shop  
     
  the pork shop

THE PORK SHOP

performance im rahmen von »schröders tankstelle« –
chaosforschung im so36 <14. apr 1994>

performance: artist tumor / text: kai pohl

bilder von der performance
programmheft

 

THE PORK SHOP

Ich habe Gänse gesehen, die sich auf Oktoberfeldern sammelten, sie gehörten dem Süden. Ich habe Flugzeuge gesehen, die Kondensstreifen in den Nachmittagshimmel zogen, sie gehörten dem Tod. Ich habe Berge gesehen, hinter denen andere Berge waren, hinter denen andere Berge waren. Ich habe Ufer gesehen, die gehörten dem Meer. Ich habe meine Augen gesehen, gespiegelt in anderen Augen, die dem Licht gehörten. Ich sah Generationen von Betrogenen, die aufgestanden waren, um andere zu betrügen und umgekehrt. Ein Heer von Schwätzern zerstampfte das Herbstlicht, das niemandem gehörte. Ich sah Scheinwerfer auf der Autobahn auftauchen und verschwinden, sie gehörten der Nacht. Ich sah den Wind in den Bäumen und den Wind, der entstand durch den Wind, der die Bäume bewegte. Ich hörte die Stimmen der Unterwelt aus den Gräsern sprechen im Herbst nach dem dritten Jahrhundertsommer. Ich wärmte mein Ohr an den Steinen der Urzeit und hörte den Puls der Götter, die sich selbst gehörten. Ich lief durch die Straßen des inneren Europa und fand die Heimat der Schatten. Ich sah Millionen Sterne, die ihre Energie ins Nichts schleuderten. Ich verfolgte die Spuren der Käfer im Sand, ohne die Wärme zu finden, die sie versprachen. Ich sah Spuren der Flugzeuge zwischen blassen Wolken, Spuren der Bäume und Gräser im Wind, kalte Steine in einer Septembernacht. Ich sah den Rauch vom offenen Feuer in die Dämmerung steigen, weiß vor den Bäumen und schwarz in den Himmel, Spuren des Alkohols in Gehirnwindungen, Sandwege mit graubraunem Sand, der kaum staubte, wenn ein Auto langsam vorbeischaukelte. Ich sah Sonnenblumen und Mais auf trockenen Feldern, Käfer gruben Trichter in den Sand und warteten darunter eingegraben auf Beute; Spinnen, die ihre Netze kreuz und quer durch Pappel- und Robinienpflanzungen gelegt hatten. Ein Maulwurf lag tot am Wegrand, die rosa Nase und die Wühlpfoten zeigten dorthin, wo nachts der Schwan im Zenit stehen würde. Ich sah Kröten und Fasane in der Wiese, Hanf am Wegrand, Zikaden neben der Hochspannungsleitung und weiter hinten ging das Licht aus. Ich verstreute Gedanken in Wohnungen und Kneipen, die nicht mir gehörten. Ich sah Fische in Flüssen, wo längst keine Fische mehr lebten. Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn. Ich sah die Intelligenz der Natur benutzt und weggeworfen. Ich sah Rinderherden grasen auf halbvertrockneten Weiden entlang der Bahnstrecke, die der Bahn gehörte. Ich sah die Gesellschaft abgeriegelt gegen alles, was herrenlos war.

druckversion



last update: 14. sep 2007